, René Maeder

Chinas neue Teewelle erreicht den Westen – die Schweiz noch nicht

Heytea, Chagee und Mixue mischen Tee mit Früchten, Milch und allerlei weiteren Zutaten und machen daraus Lifestyle-Getränke. In den USA stehen die Leute dafür Schlange. Dass die chinesischen Ketten gerade jetzt ins Ausland drängen, hat allerdings auch mit dem schwierigen Heimmarkt zu tun.

Die Idee zu diesem Beitrag entstand bei einem Gespräch mit unserem Ehrenmitglied Jürg Meier. Gerade aus den USA zurückgekehrt, erzählte er, wie häufig ihm dort chinesische Teeläden mit ihren auffälligen Getränken begegnet seien. Kurz darauf berichtete auch Bloomberg über denselben Trend: Chinesische Teeketten breiten sich in New York und anderen amerikanischen Städten aus.

Was da gerade in den Westen kommt, ist mehr als eine weitere Runde Bubble Tea. In China spricht man von «New-style tea». Gemeint sind frisch zubereitete Getränke auf der Basis von Tee oder Teeaufgüssen, kombiniert etwa mit Früchten, Fruchtsäften oder Milchprodukten. Damit unterscheiden sie sich auch von vielen früheren Bubble-Tea-Getränken auf Pulver- und Sirupbasis.

Jasmintee mit Guave statt Cappuccino

Ein bekanntes Beispiel ist Heytea. Das Unternehmen entstand 2012 im südchinesischen Guangdong und wurde mit frisch aufgebrühtem Tee unter einer cremig-salzigen Käseschaumhaube bekannt. Ende 2023 eröffnete Heytea seine erste Filiale in New York. Inzwischen gibt es mehr als vierzig Standorte in den USA.

Ein Blick auf die Karte zeigt, wie weit sich das Angebot vom klassischen Milchtee entfernt hat. Jasmintee trifft auf Guave oder Trauben, Longjing auf Milch, Grüntee auf Mango und Grapefruit. Dazu kommen Matcha, Kokoswasser, Käseschaum oder Fruchtmus.

Tee bleibt oft die Grundlage. Nur sieht das fertige Getränk nicht mehr unbedingt nach Tee aus.

Chagee geht etwas anders vor. Die Kette versteht sich eher als modernes Teehaus und stellt Teeblätter und klassische Teearomen stärker in den Vordergrund. Das 2017 in Yunnan gegründete Unternehmen betrieb im Frühjahr 2026 bereits mehr als 7'500 Teehäuser weltweit.

Und dann ist da Mixue. Billiger, greller und konsequent auf Masse ausgerichtet, verkauft die Kette Tee, Fruchtgetränke und Softeis. Ende 2025 umfasste ihr Netz fast 60'000 Filialen – mehr als McDonald's. Seit Ende 2025 ist Mixue auch in den USA vertreten.

Warum gerade jetzt?

Auf den ersten Blick sieht das nach einem ungebremsten Siegeszug aus. Der chinesische Heimmarkt erzählt allerdings eine zweite Geschichte.

Dort konkurrieren Hunderttausende Milchtee- und Getränkeläden um dieselbe Kundschaft. Der Preisdruck ist gross, manche Ketten haben ihre Expansion gebremst oder Filialen geschlossen. Im Ausland lassen sich für vergleichbare Getränke dagegen oft deutlich höhere Preise verlangen.

Gleichzeitig trifft die Expansion in den USA auf einen günstigen Moment. Matcha und Bubble Tea haben Tee bei einer jüngeren Kundschaft populär gemacht. Neue Teehäuser beschäftigen sich inzwischen auch mit Jasmin, Oolong, Schwarztee oder Pu-Erh.

Die chinesischen Ketten werden also nicht nur vom schwierigen Heimmarkt ins Ausland getrieben. In Amerika treffen sie auch auf eine neue Lust auf Tee.

Und die Schweiz?

Bei uns ist von den grossen chinesischen Ketten bisher nichts angekommen. Heytea, Chagee und Mixue betreiben hier keine Filialen. Auch in Kontinentaleuropa ist die neue chinesische Teewelle erst vereinzelt sichtbar.

Ganz unbekannt ist uns ein solcher Hype allerdings nicht. Vor einigen Jahren erlebte Zürich seine eigene Bubble-Tea-Welle. Am 5. März 2022 waren wir mit dem Teeclub mittendrin: Mit dem Tram ging es quer durch die Stadt, die damals rund dreissig Bubble-Tea-Shops zählte.

Bei «Got Boba?» in Wiedikon erfuhren wir, wie Tapiokaperlen selbst hergestellt werden. Bei Bubblish standen dreizehn lose Tees als Grundlage zur Auswahl, und zum Abschluss besuchten wir einen der ersten Bubble-Tea-Shops der Stadt.

Vier Jahre später ist von der damaligen Aufbruchstimmung wenig übrig. Got Boba ist verschwunden, Bubblish gibt es weiterhin an einem neuen Standort, einige andere Anbieter haben sich ebenfalls gehalten. Die Zürcher Bubble-Tea-Szene ist kleiner und überschaubarer geworden.

Das ist eine nützliche Erinnerung, wenn nun in den USA vor Heytea und anderen chinesischen Ketten die Leute Schlange stehen. Nicht jeder Getränkehype wird automatisch zur neuen Alltagskultur.

Was hat das noch mit Tee zu tun?

Darüber lässt sich unter Teeliebhaberinnen und Teeliebhabern durchaus streiten.

Vieles ist süss, cremig, fruchtig und auffällig. Bei manchen Kreationen muss man nach dem eigentlichen Tee beinahe suchen.

Spannend ist trotzdem, dass eine junge Kundschaft auf diese Weise ganz selbstverständlich Namen wie Jasmintee, Longjing oder Matcha kennenlernt. Menschen, die vielleicht nie einen Longjing aufgiessen würden, bestellen plötzlich ein Getränk, in dem genau dieser Tee steckt.

Ob sie deshalb irgendwann beim Blatttee landen, ist eine andere Frage. Massenmarkt und sorgfältige Teekultur sind zwei ziemlich verschiedene Dinge.

In den USA entstehen neben Matcha- und Bubble-Tea-Läden inzwischen auch neue Teehäuser, die Jasmintee, Oolong oder Pu-Erh ins Zentrum stellen.

Vielleicht beginnt der Weg zum Jasmintee ja tatsächlich mit Jasmintee und Guave.

Das Sortiment von Heytea und der Auftritt von Chagee geben einen guten Eindruck davon, wie diese Getränke präsentiert werden. Rückblick: Bubble Tea Tour Zürich vom 5. März 2022